Das asiatische Jahrhundert: Warum der Schein trügt und wo echte Chancen liegen

12. März 2026  |  Christian W. Röhl
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Ist das asiatische Jahrhundert vorbei? Im Asset Class Podcast analysiert Experte Karl Pilny China, Indien & Japan.

Haben wir uns im „asiatischen Jahrhundert“ geirrt? Ein Blick auf die nackten Zahlen könnte diese Vermutung nahelegen: Während sich der US-Aktienmarkt im 21. Jahrhundert vervielfacht hat, hinkt der MSCI All Country Asia deutlich hinterher. Doch ist die Börse immer ein Spiegelbild der realwirtschaftlichen Machtverhältnisse? In der aktuellen Episode von Asset Class diskutiert Christian W. Röhl diese Diskrepanz mit einem Mann, der wie kaum ein anderer die Brücke zwischen Europa und Fernost schlägt: Prof. Dr. Karl Pilny. Der Rechtsanwalt, Asien-Experte und Autor nimmt die Zuhörenden mit auf eine analytische Reise von den Tech-Metropolen Chinas über die aufstrebenden Märkte Indiens bis hin zum alternden Riesen Japan.

Die große Divergenz: Realwirtschaft trifft auf politische Börsen

Die zentrale These des Gesprächs ist so ernüchternd wie hoffnungsvoll: Die Börse spiegele nicht zwangsläufig die wirtschaftliche Realität wider. Während Europa oft nur noch als „Wurmfortsatz“ der eurasischen Landmasse wahrgenommen werde, vollziehe sich in Asien eine historische Korrektur. Karl Pilny beschreibt dies als eine „tektonische Plattenverschiebung“, bei der das Pendel der Weltgeschichte zurückschwingt – dorthin, wo bis zum 18. Jahrhundert bereits das ökonomische Zentrum der Welt lag: nach China und Indien.

Für Investierende müsse dies jedoch bedeuten, die westliche Brille abzusetzen. Insbesondere in China herrsche das Primat der Politik. „Den Chinesen ist völlig egal, ob Goldman Sachs Recht hat oder die Weltbank“, betont Pilny. Der dortige 100-Jahres-Plan folge einer Logik, die sich nicht in Quartalsberichten messen lassen würde. Die oft volatilen Märkte, getrieben von einer zockfreudigen Privatanlegerschaft und staatlichen Eingriffen, erfordern eine langfristige Perspektive und starke Nerven.

China: Zwischen Innovationssprüngen und geopolitischem Schach

Trotz der enttäuschenden Performance breiter China-Indizes sieht der Experte weiterhin enormes Potenzial in spezifischen Megatrends. China überspringe technologische Entwicklungsstufen – von der „Buschtrommel zum Satellitentelefon“ – und positioniere sich aggressiv in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Quantencomputing und Raumfahrt. Sanktionen des Westens, so Pilny, wirken dabei oft nicht als Bremse, sondern als Brandbeschleuniger für die interne Entwicklung eigener Technologien.

Ein ständiger Schatten über dieser Entwicklung bleibe die Taiwan-Frage. Hier gibt Karl Pilny jedoch leichte Entwarnung bezüglich einer militärischen Eskalation: „Chinesen sind weder dumm noch hitzköpfig, sondern sie sind im Gegenteil sehr strategisch und sehr klug.“ Es gehe Peking weniger um eine plumpe Invasion, als vielmehr um die strategische Kontrolle des Zugangs zum Pazifik – ein Ziel, das mit der Geduld einer 5.000 Jahre alten Zivilisation verfolgt wird.

Der neue Hoffnungsträger Indien und das Rätsel Japan

Während China mit strukturellen Herausforderungen kämpfe, richte sich der Blick vieler Anlegenden auf Indien. Unter Premierminister Modi würden jahrzehntealte Infrastrukturprobleme endlich angegangen. „Jede zweite Kilowattstunde und jeder zweite Wassertropfen in Indien versickert im Boden, weil dieses Leitungsnetz so marode ist“, illustriert Pilny die Ausgangslage. Doch die Reformen greifen, und die Digitalisierung der Bürokratie schreite voran. Allerdings warnt der Experte: Vieles von dieser Wachstumsfantasie ist bereits in den sportlichen Bewertungen indischer Aktien eingepreist.

Japan hingegen präsentiere sich als Land der Widersprüche. Einerseits würden verkrustete Strukturen und das Senioritätsprinzip die Innovationskraft im Vergleich zu den dynamischeren Nachbarn Korea und China lähmen. Andererseits biete Japan eine „echte Qualitätsbörse“ mit vielen Weltmarktführern im Mittelstand. Auch der gigantische Schuldenberg von 250 % des BIP bereitet Pilny keine schlaflosen Nächte, da diese Schulden fast ausschließlich im Inland bei institutionellen Anlegern läge – eine Art geschlossener Kreislauf, der das Land vor externen Schocks schützen soll.

Strategien für das Depot: Core-Satellite und Hidden Champions

Wie sollten Anlegende nun auf diese komplexe Gemengelage reagieren? Karl Pilny empfiehlt einen Core-Satellite-Ansatz, der sich weniger an Ländern, sondern an Megatrends orientiert. Neben den großen Playern rückt er dabei zwei oft übersehene Märkte in den Fokus:

  • Vietnam: Als Profiteur der Diversifizierung von Lieferketten („China Plus One“).
  • Indonesien: Mit 280 Millionen Menschen, einer jungen Bevölkerung und einer stabilen Binnenwirtschaft ein schlafender Riese, der sich weitgehend unabhängig von globalen Exportzyklen entwickelt.


Ein Engagement in Asien erfordert mehr als den bloßen Kauf eines Indexfonds. Es verlangt ein Verständnis für die kulturellen und historischen Feinheiten der Region.

Fazit

Das asiatische Jahrhundert findet statt – nur anders, als es viele westliche Börsenindizes suggerieren. in dieser Region erfolgreich sein will, muss Volatilität aushalten und in Jahrzehnten statt in Quartalen denken.

Für tiefergehende Analysen zur Innovationskraft Koreas, den Auswirkungen der japanischen Zinswende und persönlichen Tipps von Karl Pilny für alle, die beruflich den Sprung nach Asien wagen wollen, hören Sie die vollständige Episode von Asset Class.

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Hinweis: Scalable Capital Bank GmbH erbringt keine Anlage-, Rechts- und/oder Steuerberatung. Sollte dieser Podcast Informationen über den Kapitalmarkt, Finanzinstrumente und/oder sonstige für die Vermögensanlage relevante Themen enthalten, so dienen diese Informationen ausschließlich der Erläuterung der erbrachten Dienstleistungen. Die Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden. Bitte beachten Sie hierzu die Hinweise auf unserer Internetseite.

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Christian W. Röhl
Chief Economist
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