Nach den Quartalszahlen: Warum Visionen bei Tesla mehr wert sind als Gewinne

8. Januar 2026  |  Christian W. Röhl
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Die Berichtssaison zeigt: KI ist teuer, Apple setzt auf Services und Tesla auf Visionen. Eine Analyse der Quartalszahlen von Big-Tech. Wer sind die Gewinner?

Ist der Hype um Künstliche Intelligenz jeden Preis wert? Diese Frage drängte sich nach einer turbulenten Woche der Quartalsberichte des zweiten Quartals 2025 auf, in der die Giganten der Tech-Welt ihre Bücher öffneten. In einer Live-Episode von Asset Class analysierten Chief Economist Christian W. Röhl und Noah Leidinger, der Host des Podcasts „Ohne Aktien Wird Schwer“, die neuesten Zahlen von Microsoft, Apple, Meta und Co. KI als zweischneidiges Schwert: Zwischen Wachstumsfantasie und massivem Kostendruck.

Die Berichte von Microsoft und Meta verdeutlichten eindrucksvoll die zwei Seiten der KI-Medaille, resümiert die Runde. Bei Microsoft zeigten die Zahlen zwar beeindruckendes Wachstum, etwa im Cloud-Geschäft, das um über 20 % zulegte. Dennoch habe der Markt verhalten reagiert, da selbst minimale Abweichungen von den Analystenerwartungen nicht toleriert wurden. Röhl weist darauf hin, dass Microsoft mit Kapazitätsengpässen bei Rechenzentren kämpfe und die Investitionen in die Infrastruktur (CapEx) immense Ausmaße angenommen hätten. Habe man früher von „Asset-light“-Softwarefirmen gesprochen, so flössen heute rund 40 % des operativen Cashflows direkt in Sachanlagen – ein gewaltiger Kostenblock, dessen Effizienz durch neue, potenziell sparsamere KI-Modelle wie DeepSeek zusätzlich infrage gestellt werde.

Ein gänzlich anderes Bild sehen die beiden Finanzexperten bei Meta. Auch hier werde massiv in KI investiert, doch die Erträge schlügen sich unmittelbar im Kerngeschäft nieder. Sie erläutern, dass Metas Algorithmen durch KI die Werbeausspielungen so stark optimiert hätten, dass Werbetreibende bereit seien, signifikant höhere Preise dafür zu zahlen. Dieser direkte, messbare Erfolg verleihe dem Unternehmen die Freiheit, verlustreiche Zukunftsprojekte wie die „Reality Labs“ zu finanzieren, ohne das Vertrauen der Anlegenden zu verlieren.

Die Macht der Narrative: An Visionen glauben statt Bilanzen lesen

Im Kontrast zu den datengetriebenen Bewertungen von Microsoft und Meta stehe das Phänomen Tesla. Die vorgelegten Zahlen seien ernüchternd gewesen: weniger verkaufte Fahrzeuge und eine operative Marge, die deutlich unter der von traditionellen Herstellern wie BMW liege. Und doch sei dies für die Bewertung der Aktie beinahe irrelevant. Die Argumente der Tesla-Investoren basieren nicht auf aktuellen Bilanzen, sondern fast ausschließlich auf den Zukunftsvisionen von Elon Musk. Dessen Ankündigungen im Earnings Call zu Robotaxi-Flotten und einer unangefochtenen Führungsposition bei KI in der realen Welt, seien der eigentliche Treiber des Aktienkurses. Analystenschätzungen für die kommenden Jahre erschien angesichts dieser disruptiven Potenziale wie ein Blick in die Glaskugel und machten eine klassische Bewertung nahezu unmöglich, so das Fazit von Röhl.

Dass auch ein etablierter Tech-Riese eine neue Geschichte erzählen könne, bewies IBM. Nach Jahren der Stagnation überzeuge das Unternehmen mit einem starken Ausblick, der vor allem vom wachsenden Softwaregeschäft getragen werde. Die Hoffnung der Investierenden beruhe hier auf der Annahme, dass dieser profitable Wachstumskern schrittweise den Gesamtkonzern transformiere – eine Wette, die die Aktie auf den besten Handelstag seit der Dotcom-Blase katapultiert habe, erklärten die Experten.

Stabilität im Sturm: Die Dominanz der Zahlungsanbieter

Fernab der volatilen Tech-Narrative hätten sich die Zahlungsdienstleister Visa und Mastercard als Felsen in der Brandung präsentiert. Beide Unternehmen hätten solides, zweistelliges Wachstum gemeldet und einmal mehr mit extrem hohen Gewinnmargen beeindruckt. Ihre Geschäftsmodelle seien äußerst stabil und berechenbar, was sich auch in der Konstanz der Analystenschätzungen widerspiegle. Während Visa weiterhin der unangefochtene Marktführer sei, zeige Mastercard eine etwas höhere Dynamik, insbesondere im internationalen Geschäft und durch strategische Zukäufe im Bereich der Cybersicherheit. Die Zahlen beider Konzerne, so die Experten, seien zudem ein starker Indikator für eine robuste Konsumlaune, insbesondere in den USA.

Apple im Live-Check: Das Ökosystem als ultimativer Burggraben?

Während des Streams lieferte Apple Quartalszahlen. Das Ergebnis habe einen zentralen Trend bestätigt: Während die iPhone-Verkäufe stagnierten und der chinesische Markt Sorgen bereite, erweise sich die Service-Sparte als neuer Wachstumsmotor, schlussfolgerten die Experten. Mit einem neuen Rekordumsatz in diesem Bereich steige dessen Anteil am Gesamtumsatz kontinuierlich an – eine Strategie, die maßgeblich von CEO Tim Cook vorangetrieben worden sei.

Eine Frage aus der Community war, warum Apple im Vergleich zu anderen Big-Tech-Unternehmen so wenig in KI-Infrastruktur investiere. Es sei begründet in Apples einzigartiger Marktposition. Das Unternehmen müsse nicht die teure Grundlagenforschung betreiben, da es über den ultimativen Kundenzugang verfüge: das Apple-Ökosystem. Während der Google-Konzern dafür bezahle, die Standardsuchmaschine auf dessen Geräten zu sein, könne Apple künftig die besten KI-Anwendungen in sein System integrieren und daran partizipieren. Der wahre Wert liege nicht in der technologischen Vorreiterrolle, sondern in der nahtlosen Benutzererfahrung und der enormen Markentreue, analysierte Noah Leidinger.

Die Berichtssaison habe gezeigt, dass Anlegende genau hinschauen. Sie belohnten profitables Wachstum, seien bereit, für glaubwürdige Visionen einen Aufschlag zu zahlen, und schätzten die Verlässlichkeit etablierter Marktführer. Laut den Experten bestehe die Kunst darin, die Zahlen richtig zu lesen und die Narrative dahinter zu verstehen.

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Christian W. Röhl
Chief Economist
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